Hotel Savoy

Prolog

Meiner Meinung nach kann man gute und schlechte Restaurants ganz einfach auseinanderhalten: man geht auf die Toilette, und schaut sich die Beleuchtung an.

Die guten Restaurants nehmen normale Lampen, mit weichem, gelbem Licht. Die Schlechten nehmen Neonleuchten – da sieht einfach jeder scheiße aus – und genauso fühlt mich sich dann auch, wenn man den Laden wieder verlässt!“

Viktor beendete seinen Vortrag und betrachtete sein rundes Gesicht im Neongeflimmer des Waschraums.

Das harte, weiße Licht ließ seine Haut noch röter erscheinen, als sie es ohnehin schon war, und brachte außerdem auch noch seine Pausbäckchen zum glänzen. Mit seinen braunen, leicht welligen und in einen Seitenscheitel gezwungenen Haaren sah er alles in allem wie die dreißigjährige Version des Jungen auf der Kinderschokoladen-Verpackung aus.

Aus dem eigentlichen Toilettenraum wurden seine Überlegungen durch das wiederholte Geräusch der Spülung und ein anschließendes Würgen und Gurgeln kommentiert. Leise gemurmelte Flüche beendeten schließlich den Beitrag seines Partners zur Unterhaltung.

Ich habe dem Kunden ja gleich gesagt, das es gar nicht so einfach ist, einen Menschen in einer Kloschüssel zu ertränken.“, bemerkte Viktor und überprüfte den Sitz seiner Krawatte im Spiegel.

Ich denke, das Spülsystem ist das wirkliche Problem. Es dauert einfach zu lange, bis sich der Wasserkasten wieder aufgefüllt hat, und in der Zwischenzeit kriegt der Mistkerl genügend Luft, um einem die Arbeit schwer zu machen!“

Aber nein“, fuhr er übellaunig fort, „Du musstest ja versichern, das dies alles ein Kinderspiel sei und wir das schon hinkriegen würden! Bring den Kerl jetzt endlich um; der Film fängt gleich an, und wir haben keine Platzkarten.“

Ein kurzerhand ausgestossener, nunmehr kaum verhaltener Fluch klang gefolgt von irgendeinem Klappern dumpf zwischen den Sperrholzwänden der Toilettenkabiene hervor.

Ich habe gesagt kein Problem…“, drang die vertraute Stimme gemeinsam mit einem erstickten Schlaggeräusch durch die Türe, die kurz darauf mit dem Rest der Trennwende des Toilettenbaus rappelte, als von Innen etwas wohl gleichsam geräusch- wie schwungvoll dagegen geknallt wurde

…Und ich meine kein Problem!“

Victors Partner klang jetzt deutlich angestrengt.

Während er selbst Pedantisch die Kette seiner Taschenuhr auf seiner Weste drapierte; offenbar vollkommen unbeeindruckt von den Füssen, die nun in dem selten beanspruchten Raum zwischen Tür und Decke hinter ihm im Spiegel sichtbar wurden und wild zu Zappeln begannen.

Die bei diesen Dingen übliche Minute verstrich, bevor die Füße zur Ruhe kamen und wieder vom weißlackierten Furnier der Kabinentür verschluckt wurden, als sie sich, Fersen voran, aus dem im Spiegel sichtbaren Bereich wieder zurück ins Innere der Klozelle bogen.

Victors hochgewachsener und gutaussehender Partner, der in etwa so aussah wie der Mann aus der Backgammon Werbung, nur 20 Jahre jünger, zog befriedigt ausatmend die Toilettentür hinter sich ins Schloss.

Wenigstens spielen sie keine schreckliche Fahrstuhlmusik hier.“

Amadeus trat neben ihn an den Spiegel und begann sich die Hände zu waschen.

Ich kann nicht arbeiten bei so nichtssagendem Gedudel in subtiler Lautstärke.“

Oh, schau Dir das an“, sagte er und wies verärgert auf einige Wasserflecken und rote Spritzer auf seinem beigen Mantel, die ihn offenbar zu stören schienen.

Er war kaum fertig damit den Mantel unvorsichtig über dem Arm zusammenzulegen, als er den fragenden Blick seines erstarrten Kollegen im Spiegel bemerkte. Amadeus richtete seine intellektuelle Brille und begann seine Frisur in Ordnung zu bringen. Erst als er in aller Ruhe und durchgehend den Blick im Spiegel erwidernd, seinen Schopf aus dunklen Haaren ordentlich in ein Haargummi gezwungen hatte, wandte er sich um und sah Victor auffordernd ins Gesicht.

Du bist manchesmal einfach nicht kreativ genug in diesen Dingen – das ist dein Problem! Die einzig wirkliche Schwierigkeit war es, den Kopf des Kerls in den Spülkasten zu bekommen. Der Kunde wird zufrieden sein.“

Offenbar war für Sie damit alles gesagt, denn Victor folgte leicht lächelnd der hageren Gestalt seines Kollegen Richtung Tür, der ihn halb über die Schulter fragte:

Du auch Popcorn? Ich brauch auf jeden Fall etwas Trockenes!“

Inspektor Thorsten Hallfurter starrte nachdenklich auf den bizarren Leichnam in der Toilette.

Die Füsse ruhten auf dem Toilettendeckel, von wo aus sich der Rest des Körpers in einer sehr extremen und sehr unnatürlich aussehenden Kurve der Rückwand der Toilette entgegenbog, wo der exponierte Brustkasten des Kerls mit dem Spülkasten der Toilette abschloss, der so dankbarerweise den Kopf der Leiche verbarg.

Todesursache?“, fragte der Inspektor niemand bestimmten.

Ertrinken!“, antwortete ihm die unwillkommene Stimme seines Nichtsnutzes von einem Assistenten. „…soweit man das bisher feststellen konnte.“

Selbstmord also!?“

Ungefragt schob sich die skeptisch dreinblickende Fratze von Assistent Naumann in die Szenerie, als er sich neben dem vor der Tür stehenden Inspektor legere an die Trennwand lehnte.

Naumann, der so spannende und stimulierende Hobbies hatte wie Kegeln, Rockmusik und – was auch sonst- Kriminalromane zu lesen… .

Ich denke, es ist schon möglich, dass der Kerl letzte Woche freiwillig von der Brücke vor den fahrenden Güterzug sprang… und dass sich der von Dienstag beim Putzen seiner unauffindbaren Waffe in den eigenen Hinterkopf schoss ist eine gewagte Behauptung… das Ihnen aber irgend jemand der die Fotos von hier sieht einen Unfall abnimmt… .“

Hmmpf“

Der Inspektor, der sich mit Vorliebe in seiner Freizeit für Quantenphysik, selbstgebackenen Marmorkuchen mit Mandelsplittern und Indischen Tee begeistern lies, bedachte ihn mit einem dieser Blicke, die nur Männer kurz vor der Pensionierung über den Horizont ihrer verquollenen Augen und durch die Gläser einer Hornbrille schicken können. Doch auch ihm war klar, worauf das hier herauslief – diesmal würde er wohl nicht um die Unbequemlichkeiten einer Untersuchung herumkommen… .

Kapitel 1

Drei Wochen früher

Sie müssen aber wissen Herr Schmidt, das es eventuell Schwierigkeiten bei der buchstabengetreuen Ausführung Ihres Auftrages geben könnten: es ist gar nicht so leicht, jemanden in einer Toilette zu ertränken, wie es auf den ersten Blick vielleicht aussehen mag.“

Viktor beobachtete besorgt, wie sich die Stirn seines Gegenübers in Falten legte, und sich ‚Herrn Schmidts‘ Augenbrauen dunklen Wolken gleich über seinen Schweineäuglein zusammenzogen.

Das ist dann wohl Ihr Problem“, donnerte der unrasierte und übermüdet wirkende Mann auf der anderen Seite des Tisches schließlich loß, wobei er mit seinem Kaffeebecher unterstreichend auf den Tisch hämmerte.

Bei der Menge Geld, die Sie beide mir abknöpfen wollen, kann ich ja wohl auch etwas erwarten! Also, was ist? Übernehmen Sie den Job nun, oder nicht?“

Viktor warf dem neben ihm auf der Bank sitzenden Amadeus einen fragenden Seitenblick zu. Aber sein Freund, Mitbewohner und Geschäftspartner tat das gleiche, wie schon die ganze halbe Stunde, die sie nun in dieser Autobahnraststätte verbrachten: er betrachtete die circa 18jährige Bedienung mit dem trägen Interesse eines satten Raubtiers. Sein einziger Beitrag zur Unterhaltung hatte bisher darin bestanden, Herrn Schmidt zu versichern, daß das Ertränken von Personen in Toilettenschüsseln alltäglich, und ganz sicher kein Problem sei.

Also gut, Herr Schmidt, wir sind im Geschäft.“, bestätigte Viktor in formellem Ton. „Sobald die Zahlung Ihrer ersten Rate erfolgt ist, beginnen wir mit der Arbeit. Sie können damit rechnen, daß das Projekt innerhalb der nächsten 14 Tage abgeschlossen sein wird.“

Nach einer kurzen und kühlen Verabschiedung stampfte Herr Schmidt auf den Parkplatz, stieg in seinen direkt vor dem Eingang geparkten Mercedes und überließ die beiden jungen Männer ihren Gedanken.

Einige Minuten saßen beide still da und schienen dem Summen der Neonleuchten und dem Brummen der nahen Autobahn zu lauschen. Viktor betrachte einige Zeit lang wie hypnotisiert die von seiner noch fast vollen Kaffeetasse aufsteigenden Dampfwirbel, bevor er das tat, was er am besten konnte: er begann sich aufzuregen.

Was glaubt dieser neureiche Kretin eigentlich, mit wem er es hier zu tun hat?! Als ob wir irgendwelche dahergelaufenen Verbrecher wären! Schon als er zum ersten Mal mit uns in Kontakt getreten ist war mir klar, das er zu den Kunden gehört, die sich unbedingt um 4 Uhr morgens auf einer Autobahnraststätte treffen möchten. Wahrscheinlich erinnert in das Ambiente an zu Hause.“

Missbilligend ließ Viktor seinen Blick über das ausgebleichte Mobiliar, die schmuddeligen Tapeten und den abgetretenen Linoleumboden schweifen. In seiner Vorstellung sollte ein anständiger Kunde ein anständiges Arbeitsessen in einem anständigen Restaurant in der Innenstadt vorschlagen. Aber das Leben war nun einmal ungerecht.

Und schon wieder ‚Herr Schmidt‘.“, setzte er seine Tirade fort, „Wenn man sich unbedingt ein alter Ego zulegen möchte, sollte man doch ein Mindestmaß an Kreativität aufzubringen bereit sein. Und vor allem nicht mit seinem eigenen Wagen aufkreuzen! Und überhaupt, was bringt den 57jährigen Direktor einer Wurstfabrik dazu, den nur halb so alten Ehemann der Kindergärtnerin seines Enkels in einer Toilettenschüssel ertränken zu lassen? Das ist doch kein anständiger Mord!“

Viktor trank wütend einen Schluck aus der vor ihm stehenden Tasse und erinnerte sich sofort wieder daran, das er eigentlich keinen Kaffee mochte. Fragend schaute er Amadeus an.

Oder was meinst Du?“

Es dauerte eine Weile, bis sich der Angesprochene aus seinen Tagträumen reißen ließ. Langsam setzte er sich gerade hin, nahm seine Brille ab und rieb sich verschlafen die Augen.

Für wie alt hälst Du sie?“, erwiederte er schließlich.

Viktor, der die Gedankensprünge und Interessensgebiete seines Freundes kannte, musterte kurz das Mädchen, welches gerade am Tresen lehnte und gelangweilt in einem Boulevardmagazin blätterte.

18, vielleicht 19. Typ Ferienjobberin.“, gab er schließlich seine Meinung kund. „Und was ist jetzt mit Schmidt?“

18? Ich hätte sie auf mindestens 20 geschätzt.“, erwiderte Amadeus missbilligend. „Schmidt ist auf jeden Fall ein Arschloch, aber eines mit genug Kohle!“, setze er mit seinem üblichen Gute-Laune-Lächeln hinzu.

Du fährst zurück.“, wechselte Viktor das Thema.

Wieso denn ich? Ich habe die Karre besorgt, Du fährst, das war der Deal.“

Erstens bin ich hergefahren“, widersprach Viktor im Aufstehen, „zweitens will ich meine Zeitung lesen und drittens habe ich nicht darum gebeten, das Du ein Auto stiehlst.“

Amadeus erhob sich resignierend, fügte sich in sein Schicksal und fing den ihm zugeworfenen Schlüssel des Sportwagens auf. Er kannte seinen Partner nun schon lange genug, um zu wissen, wann eine Schlacht verloren war.

Es war sinnlos ihm zu erklären, das man eben in Übung bleiben musste. Viktor gehörte zu den Menschen, die nichts für ständiges Training übrig hatten. Er war nämlich zum einen zu faul, um immer wieder neue Dinge zu erlernen, und zum anderen zu gut in den Dingen, zu denen er sich schließlich aufgerafft hatte, um noch Bedarf an weiterem Training zu haben.

Und solange Viktor Zeitung las war außerdem nicht mit der üblichen Nörgelei über seinen Fahrstil zu rechnen.

Wenige Minuten später waren sie auf dem Weg nach Norden, der Stadt entgegen. Amadeus entschied sich gegen die Fahrt durch den Innenstadt und nahm die Ausfahrt zum Ring.

Das Rascheln der Zeitung kündete schließlich von der Rückkehr Viktors aus der Welt der nationalen und internationalen Politik und Wirtschaft.

Mit dem Satz „Weiß Du eigentlich, woran man die guten von den schlechten Autos unterscheiden kann?“ begann er gerade wieder einen Vortrag aus der Reihe ‚Vikors Welt‘, als das Auto der Verkehrspolizei seinen Überhohlvorgang beendet hatte und sich mit einer albern herumgefuchtelten Kelle zu erkennen gab.

Der Tag war schon die ganze Zeit über Scheisse gewesen. Er hatte damit begonnen das Amadeus‘ letzte 2 Scheiben Toast verbrannt waren weil Victor nach einer heftig dementierten, nächtlichen Tiefkühl-Waffel-Orgie den Regler nicht von 6 auf angenehme und lang recherchierte 3,7 zurückgestellt hatte… .

Seitdem hatte der Tag seine 24 Stunden noch nicht dazu genutzt sich zu verbessern.

Auch die Perspektive einer Nachtfahrt zu einer runtergekommenen Autobahnraststätte, die ätzend weit von der bequemen Wärme seines Bettes entfernt war, hatte nicht viel versprochen. Aber mit einer Verkehrskontrolle in einem geklauten Sportwagen aufzuhören, war selbst für einen Mittwoch ganz schön unerhört.

Wahrscheinlich hätte er sich jetzt Gedanken darüber machen sollen wie er aus diesem Mist hier wieder rauskam, im Kopf an einer guten Lügengeschichte arbeiten müssen oder so – aber erstens waren sie keine dämlichen Kleinkriminellen, und zweitens hatte Victor neben ihm gerade die Zeitung weggelegt und seine Halbautomatik entsichert.

Er fluchte leise, setzte den Blinker rechts und lies den Tag Revue passieren.

Ein in der Universität vollkommen vergeudeter Nachmittag, dessen Höhepunkt der schlechte Automatenkaffee seiner Nebensitzerin gewesen war. Eventuell hatte er auf seiner Hose sogar weniger kulinarischen Schaden angerichtet als in seinem Magen. Lustig war das trotzdem nicht gewesen. Wenn die Frau wenigstens den Anstand gehabt hätte attraktiv zu sein, hätte ihm der Kaffee vielleicht zu ein wenig sexueller Ausgeglichenheit verholfen, so war es ein unnötiger Gang zum Waschsalon gewesen, wo er noch mehr des angebrochenen Abends mit einer veralteten Ausgabe vom „Spiegel“ verschwendet hatte.

In einem Waschsalon den „Spiegel“ auszulegen war ganz und gar gegen Amadeus Vorstellungen von Popkultur.

Mickimaus. Marvelheftchen, eine Tageszeitung mit gutem Feuilleton oder ein Waffenmagazin, Stiftung Warentest, Greenpeace, irgendwas amüsantes! Aber trockene Politk, die informativ sein möchte und dabei Glücklos versucht pfiffig zu schreiben? Plakative und propagandäre Semiotik in roter Verpackung? Neeee.

Nun gut, der Autoklau hatte ihn aufgemuntert, auch wenn Victor mal wieder ‚dagegen‘ gewesen war. Amadeus wusste aus Erfahrung das es nicht gut war, seinem Freund die Wahrheit vorzuhalten und ihn darauf hin zu weisen, das er es noch mehr verabscheut hätte, in seinem eigenen Wagen zu einem ‚Geschäftsessen‘ zu fahren.

In den 11 Dimensionen seiner eigenen Welt war Victor ein erträglicher, schätzenswerter Kerl, mit einem Hang zu steten Nörgeleien. Mit der Beschränktheit der 3 Dimensionen der realen Welt konfrontiert konnte er einen wirklich unangenehmen Zug entwickeln und einem eine Autofahrt total versauen.

Besser man kam ihm mit saloppen Sprüchen, lies ihn sich über irgendwas aufregen und in die Richtige Stimmung fürs Geschäftliche reden.

Und dann ‚Herr Schmidt‘ der inkognito Wurstfabrikant mit der Geheimindentität aus dem Kaugummiautomaten über den Victor schon beim Telefonieren mehr erfahren hatte, als ‚Schmidts‘ Akte beim Einwohnermeldeamt hergegeben hätte.

Auch sein Anblick hatte in Victor keinen Höhenflug ausgelöst. Er wollte Heim und ins Bett und seinen Frust mit irgendwem wegvögeln, der mit Kaffee zu tun hatte.

Ihm war sofort klar geworden das sie den Auftrag sowieso annehmen würden. Und nach den ersten zwei Sätzen des Gesprächs, dass es einer von der Sorte war, die in der Durchführung an ihm hängenblieben. Victor arbeitete nicht gerne mit den Händen, dies war sein Metier. Und das Sujet, eine Toilette als Mordinstrument zu benutzen, war auch eher ein Stück Popkultur, also definitiv in Amadeus Gedankenwelt abzulegen.

Damit waren die Einzelheiten für ihn geregelt gewesen.

Da Männer wie ‚Schmidt‘ aus ihrem Berufsumfeld jedoch gewohnt waren, Offenkundlichkeiten einer Vereinbarung nochmal im einzelnen auszuwellen, um kompromissfähige Ausstecher daraus zu machen, begann sich Amadeus sofort zu langweilen.

Also hatte er es seinem Partner überlassen das Dreifache der üblichen Summe aus ‚Schmidts‘ Privatvermögen zu mangeln und sich eine Ablenkung passend zum Tagesthema gesucht.

Das er zurückfahren musste, war nicht so schlimm gewesen, bis im Wagen vor ihnen irgendein armes Schwein von der Nachtschicht der örtlichen Exekutive begonnen hatte, eine Kelle aus dem Fenster zu schwenken.

Der Wagen kam zum stehen und im Scheinwerferlicht konnte man beobachten, wie sich 50 Meter vor ihnen zwei Französichblau-Uniformierte Männer in die Regennasse Nachtluft quälten.

Neben ihm wurde eine entsicherte Halbautomatik dazu gezwungen, sich mit dem Mittelteil einer Zeitung vertraut zu machen.

…….

Legst du sie jetzt endlich um, oder muss ich mich rüberbemühen um Dir das abzunehmen?“

Amadeus starrte wehleidig auf den übel zusammengeschlagenen Kerl vor ihm und dachte an sein warmes Bett.

Scheiße, du weißt wie sehr ich es hasse Proletarier umzubringen. Besonders wenn es Polizisten sind, die einfach nur versuchen ihren Job zu machen… gibt nur doppelt Ärger und verdammt, die können ja auch nichts dafür“

Er atmete tief ein während er sich auf ein blödes Kommentar seines Mitbewohners gefasst machte. Eins, zwei, … .

Schon zu spät, wärst Du eben nicht über den Ring gefahren“

Er blickte kurz durch den Nebel der auf dem Autodach zerplatzenden Tropfen, atmete dampfend aus und schob kleinlaut hinterher:

…ausserdem habe ich meine Waffe zu Hause liegen lassen.“

Wie oft hatte er Amadeus eigentlich schon davor gewarnt, in den frühen Morgenstunden den Ring zu nehmen. Aus dem letzten Quartalsbericht der städtischen Verkehrspolizei konnte wirklich jeder mit einem halbwegs logischen Denkvermögen ausgestattete Mensch entnehmen, das auf dieser Route zu dieser Tageszeit die Chance einer Kontrolle statistisch gesehen am höchsten war.

Es hatte bei der Gewinnung dieser Erkenntnis natürlich geholfen, das der interne Polizeibericht samt Datensatz freundlicherweise dem Institut für Verkehrsforschung zur Verfügung gestellt worden war, und dort für jedermann, den es interessierte, zugänglich herumlag. Und Viktor interessierte sich für so ziemlich alles.

Aber anscheinend schien die Aussicht, fünf Minuten früher zu Hause zu sein, seinem Partner wieder einmal wichtiger zu sein, als die Einhaltung ihrer Sicherheitsstandards. Hatte er vielleicht noch ein Date? Er war schon den ganzen Tag etwas verspannt.

Wunderbar! Jetzt hatte er auch noch vergessen, seine schallgedämpfte 9mm mitzunehmen. Viktor schüttelte resigniert den Kopf. Nun gut, wenigstens hatte Amadeus die Sache selbst bereinigt.

Zu den Dingen, die Viktor an seinem Partner aufrichtig bewunderte, gehörte auf jeden Fall dessen schauspielerisches Talent. Kaum war der Wagen zum Stehen gekommen war Amadeus auch schon ausgestiegen und ging mit nervösem Gang und schuldbewusst herabhängendem Kopf auf die Polizisten zu. Selbst Viktor hätte ihn in diesem Moment fast für den 19jährigen Sohn eines Zahnarztes aus der Villengegend gehalten, der auf einer nächtlichen Spritztour mit Papas Auto ein wenig zu schnell gefahren war.

Da sie ihre übliche „Bleiben Sie im Fahrzeug“ Ansprache nicht mehr halten konnten, blieben die Polizisten verwirrt stehen. Erster Fehler!

Bis sie dann den Widerspruch zwischen Auftreten und Aussehen des Verkehrssünders verarbeitet hatten, war dieser schon auf 5 Meter herangekommen. Man könnte den Beamten vielleicht die schlechte Sicht dieses Frühmorgens zu Gute halten, die Amadeus‘ Kleidung besser, teurer und modischer erscheinen ließ, und sein Alter geringer, trotzdem: zweiter Fehler!

Als sich der ältere der beiden dann endlich zu einem „Bleiben Sie stehen!“ durchgerungen hatte und halbherzig die Hand in Richtung Dienstwaffe bewegte, ließ er sich erneut von dem in manifestierte Selbstsicherheit umgeschlagene Auftreten des nun gefährlich nahen Deliquenten das Heft aus der Hand nehmen. Dritter und letzter Fehler!

Viktor beobachtete den ersten Sprungtritt ins Gesicht des vorderen Polizisten noch mit voller Aufmerksamkeit. Als dieser zu Boden ging und Amadeus, den Schwung seines Angriffs nutzend, dessen Kollegen in einen Nahkampf verwickelte, erlahmte sein Interesse allerdings schnell. Für die vielen von seinem Freund soeben gezeigten Finessen diverser Kampfkünste hatte er sich noch nie sonderlich begeistert. Für ihn zählte das Ergebnis, das in diesem Falle darin bestand, die lästigen Kontrolleure schnell und leise auszuschalten.

Außerdem würde Amadeus nachher sowieso die Auseinandersetzung haarklein nacherzählen.

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Dann lass sie eben liegen.“, rief er aus dem Wagenfenster, „Sie haben Dich ja auch nicht wirklich gesehen. Zu irgendwas müssen diese Neonscheinwerfer ja auch gut sein.“

Amadeus spielte noch einen Moment Nemesis und blieb drohend über seinen geschlagenen Gegnern stehen, bevor er dann schließlich mit einem nur schlecht versteckten, selbstzufriedenen Grinsen zum Auto zurückschlenderte und sich in den Fahrersitz fallen ließ.

Die Getränkehalter!“, erstickte Viktor jegliches Eigenlob seines Partners schon im Keim.

Bei guten Autos verursacht das Ausfahren und Öffnen der Getränkehalter keinerlei Geräusch oder nur solche, deren Verursachung von Spezialisten schon während der Entwicklung geplant wurde. Bei schlechten Autos wird hierauf keinen Wert gelegt, weshalb der Käufer dann mit allerlei Schab- und Kratzgeräuschen belästigt wird. Und wieder sehen wir, das wahre Qualität eben in der Liebe zum Detail liegt.“

Zur Demonstration betätigte Viktor den in der Mittelkonsole installierten Gegenstand seines Vortrages, was ein kaum hörbares Schleifen zur Folge hatte.

Dieser Getränkehalter hier ist alles in allem in Ordnung. Umso bedauerlicher, daß wir den Wagen jetzt verbrennen müssen. Da es Dein Fehler war, zahlst Du den Bus zurück in die Stadt, und als Entschädigung für das Busfahren geht auch das Frühstück im Hotel Savoy auf Dich.“

Mit diesem Fazit lehnte er sich wieder in seinem Sitz zurück und widmete sich erneut der Lektüre seiner Zeitung. Dermaßen von der Entschlusskraft seines Freundes und Geschäftspartners überfahren, blieb Amadeus nichts anderes zu tun, als zwei-, dreimal zu Blinzeln, bevor er den Wagen gehorsam in Bewegung setzte, das alte Industriegebiet am Südufer des Flusses ansteuernd.

In sich hinein grinsend schüttelte er leicht den Kopf. Das Hotel Savoy! Viktor war es also wieder einmal gelungen, eine Ausrede zu finden, um Hannah zu sehen.

In einem eigenwilligen Kontrast hing das Morgenlicht über den ausgestorbenen Industriebrachen. Die Strahlen der noch jungen Sonne tanzten auf den staubigen Splittern der eingeworfenen Fenster und warfen seichte Schatten in die Gassen zwischen den alten Lagerhallen und verlassenen Fertigungsanlagen, durch die mit langsamen Spazierschritten eine gedrungene Gestalt in Hut und braunem Mantel unterwegs war.

Inspektor Thorsten Hallfurter hatte diesen Ort sehr bewusst für einen Vormittagsspaziergang gewählt.

Er war hierhergekommen um sich etwas anzusehen und um der Arbeitswut seines übereifrigen, jungen Assistenten zu entkommen.

Hallfurter hielt nichts von der Arbeitsweise seines Kollegen, der mutwillig die Leiche in der Kinotoilette mit einem vor drei Wochen gefundenen, ausgebrannten Sportwagen und der Anzeige gegen unbekannt, zweier Beamter aus dem Westrevier der Autobahnpolizei, auf die selbe Seite eines Untersuchungsberichts tippte. Und der, um diesem Platz zu machen, das Go-Brett auf Hallfurters Schreibtisch achtlos verrückt hatte!

Um dem Dienstweg schließlich vorzubeugen und keine zeitaufwendige Untersuchung zu riskieren, hatte sich der Inspektor der Sache auf seine Art angenommen und sich zu einem bequemen und verträumten Spaziergang durch das New-Economy Massengrab aufgemacht. Hier war das Beweisstueck gefunden worden und auf seine Veranlassung hin nicht bewegt worden. Eine weitere Eingebung vom Bauchgefühl des Inspektors, dessen unbestimmte Zuverlässigkeit die Karriere des Kriminalbeamten maßgeblich Vorwärts gebracht hatte und in welchem auch sein Interesse für Chaos- und Quantenphysik begründet lag.

Nun spiegelten sich die seltsamen Konturen des ausgebrannten KFZs in den Gläsern der Hornbrille des Inspektors. Seine Augen schienen nicht blinzeln zu müssen, gefesselt in den Dialog mit dem zerstörten Fahrzeug. Die in die Jahre gekommene Gestalt Hallfurters kauerte auf dem aufgeplatzten Asphalt des Hinterhofs, in Pose die steiffe Karrikatur eines Fährtensuchers im Dschungel.

Ein Zucken durchlief die gerne schmunzelnden Paussbacken des von einem Schnurrbart geschmückten Gesichtes, und alle grossväterliche Sanftheit schien beim betrachten des Wracks von ihm abzufallen.

Wer konnte sagen was im Kopf des Mannes vorging in diesen Momenten… ob eine inkorporale Tangomusik den Rhythmus seiner Gednaken begleitete, die das Fahrzeug in mannigfaltigen Blickwinkeln in das Gehirn des Inspektors sogen.

Dies wäre auf dem zaunumgebenen, sterilen und überfuelltem Polizeiparkplatz im Presidium nicht möglich gewesen. Genausowenig wie man die Schönheit eines Tigers in den beengten Räumlichkeiten eines Zoogeheges bewundern und begreifen konnte, hätte ihm das Gerippe des Sportwagens seine Geschichte dort vorenthalten.

Hier jedoch, in seiner natürlichen Umgebung begegneten sich die beiden Jäger und teilten in den langen Blicken ihre unsichtbaren Geheimnisse miteinander.

Das Gehirn des betagten Beamten verarbeitete die Fakten und Minimalhinweise, die an dem Ausgebrannten PKW haften geblieben waren und seine eigenen Schlussfolgerungen zu einer Kette von Bildern, und während der Inspektor auf dem Asphalt kauerte und sich von dem Korpus des Wagens eine eigenwillige Geschichte erzählen lies kristallisierten sich farbige, eher wahrscheinliche Fragmente aus dem schwarzweissen Möglichkeitskontinum heraus, und wurden mit der sorgfalt und Hingabe mit der die Mutter des Inspektors zu heissen Schokoladenguss zum Abkühlen erst über die Rückseite eines Löffels und dann auf den Kuchen hatte laufen lassen, über die Glockenkurvenrückseiten in Hallfurters Verstand, wo sie sich in die unwahrscheinlichen und die wahrscheinlichen trennten.

Als er sich schließlich aufrichtete Seufzte er tief, und tätschelte die rußverklebte Hülle seines blechernen Gesprächspartners. Er machte sich schlechter gelaunt als zuvor auf den Weg zurück zu seinem Dienstfahrzeug in der Hoffnung der Realität für die Dauer seiner Mittagspause in die Schlichtheit einer Imbissbude zu entkommen.

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